DAS
FELDSCHLÖSSCHEN IN BORBECK:
Geschichte, Treffpunkt, Tradition
Die
von UNITAS-Bundesverband
und UNITAS-Ortsverein mit viel Eigenarbeit durchgeführten gemeinsam Renovierungsarbeiten
begannen im Frühjahr 2007. Sie sind in einem ausführlichen
BAUTAGEBUCH
dokumentiert.
Mittlerweile
entstanden brandneue Wohnungen für neun Studenten
(insg. 240 qm). Ein großer hoher Gesellschaftsraum unter
dem Dach ist passende "Location" für viele
Vorträge, Diskussionen und Feiern des Vereins. Doch
nicht nur in den beiden Obergeschossen zog damit in dem
wieder neues Leben ein. Denn der
UNITAS Ruhrania-Studentenheim e.V. hat auch die seit Ende
Dezember 2003 freistehende Gastronomie im Erdgeschoss wieder
ihrer alten Bestimmung zurückgegeben. Am 25. April
2008 eröffnete die von der VKF Gastronomie GmbH betriebene
Wirtschaft neu. (Mehr: www.feldschloesschen-essen.de)
Ein
Haus mit Geschichte
Im
Jahr 1900 ließ der Borbecker Gastronom Kleine-Möllhoff auf
einem großen Grundstück an der damals noch völlig
unbebauten Flurstraße/Ecke Möllhoven in der damaligen Bürgermeisterei
Borbeck ein Ausflugslokal errichten. Er tauft es auf den
Namen „Gastwirtschaft zum Feldschlößchen“ – wohl
nach der Lage des Gebäudes in den Feldern und Wiesen, zum
anderen wegen der Nähe zum Schloss Borbeck. Neben der mit
einer einfachen Theke versehenen Schankstube, dem
Gesellschaftsraum und dem Biergarten bietet das Haus ab
Inbetriebnahme 1901 auch Hotelzimmer für Fachkräfte von in
Borbeck tätigen Firmen.
An
der mit jungen Platanen bepflanzten Straße entsteht eine
schon damals sehr eigenwillige Fassade in der Sprache des
Historismus: Die spitzen Zwillingshauben des mit
Holzfachwerk verzierten Turms schließen zur Flurstraße mit
einem gotisierenden Treppengiebel ab, zum Möllhoven wird die
Fassade durch einen ebensolchen Giebel und einen spitzen
Erker betont. An die Romanik erinnernde Rundbögen über den
Fenstern des ersten Obergeschosses sind ursprünglich wie
die Zackenbänder und Rautenflächen in Ziegelrot vom grauen
Putz abgesetzt. Das innen fast vollständig in mit Ziegel
gefülltem Fachwerk ausgeführte Haus wird vollständig
unterkellert, das Erdgeschoss ruht bis heute auf einer so
genannten „Preußischen Kappendecke“. Während die hohen
Decke der Gastronomie mit einer blutroten Ledertapete
ausgestattet ist, sind die Zimmer- und Flurwände überall
weitgehend mehrfarbig angestrichen. Mit weiteren Farben
abgesetzte Zierleisten zeigen bunte Jugendstilmuster.
Nach
der Übernahme durch die Familie Schneider 1905 erweitern
sich die Angebote des Hauses: Auf dem großen Grundstück gibt es einen Kleintier- und Streichelzoo und immer wieder
diverse Attraktionen, die von Spaziergängern an den
Wochenenden gerne angenommen werden. Das Lokal führen nun
Josef Schneider und seine Frau Gertrud, geb. Bramert. Als der
Wirt, zugleich Dirigent des Männergesangsvereins
„Concordia“, nicht aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt,
übernimmt seine Witwe an der Flurstraße das Regiment.
Das zum Garten gelegene Gesellschaftszimmer dient als Raum
für Sitzungen vieler Vereine und für Familienfeiern, ein
Klavier sorgt für die Begleitung von Chören, die hier zu
ihren Proben zusammenfinden.
Beliebter
Treffpunkt in Borbeck
Mit
der wachsenden Bebauung an der Flurstraße, insbesondere
durch die Errichtung der Kruppsiedlung, nimmt die Zahl der Gäste
weiter zu, mehrere Vereine bestimmen das Lokal zur
„Konstanten“. Insbesondere die Borbecker Kolpingsfamilie
versammelt sich hier bis Mitte der 1970er-Jahre zu ihren
regelmäßigen Treffen. Im Zweiten Weltkrieg wird zum
Schutz vor den Bombenangriffen aus dem Keller ein später wieder
verfüllter Fluchtunnel bis zur an das ehemalige Grundstück angrenzende
Schlucht gebaut. Groß
gefeiert wird das 50-jährige Bestehen des Hauses, dem die
BORBECKER NACHRICHTEN am 28. September 1956 einen Artikel
mit einer alten Abbildung des Hauses widmen und darin an
„viele schöne Feste und denkwürdige Feiern“ erinnern.
Willy Freistedt, als musikalisches Allroundtalent Borbecker
Original und Bewohner des Dachgeschosses im Haus, widmet
dem „Feldschlößchen“ aus diesem Anlass ein im Artikel
abgedrucktes Preisgedicht. Mit den Anfangszeilen „Das
Schloß im Felde wurde ich genannt! Stolz blickte ich hinaus
ins weite Land …“ lässt es die ländliche Idylle der
Entstehungszeit, die Kriege, schwere Arbeit der Knappen
unter Tage und die Entwicklung der örtlichen Industrie
Revue passieren, um zugleich Wanderer zu „süßer Rast“
einzuladen.
Das
große Grundstück wird inzwischen unter den Mitgliedern
der Familie Schneider aufgeteilt, in den 1990er Jahren
übernehmen mehrere auswärtige Pächter den Betrieb, bis im
Dezember 2003 das Lokal seine Pforten schließt. Zum
Juli 2004 erwirbt der ursprünglich 1911 an der Universität
Münster ins Leben gerufene Wissenschaftliche katholische
Studentenverein UNITAS Ruhrania das Haus mit dem 905 qm großen
Grundstück von
Eigentümer Peter Schneider.
UNITAS
rekonstruiert historische Bausubstanz
Der
1991 gegründete Hausbauverein des an den Ruhr-Universitäten
tätigen Vereins hatte zuvor 13 Jahre lang nach einem
geeigneten Objekt in Bochum und Essen gesucht. An mehreren
Immobilien gab es ein großes Interesse, doch
waren sich die neuen Eigentümer von Beginn an einig, in
Borbeck endlich das richtige Haus gefunden zu haben. Ab Mai
2006 begannen die umfassenden Entkernungsarbeiten, um neun
Studentenzimmer und dazugehörende
Gemeinschaftseinrichtungen zu schaffen und um die öffentliche
Gastronomie zu reaktivieren. Von einigen Studenten bereits
bewohnt, entwickelte sich das Haus schnell zum neuen
Treffpunkt aktiver und ehemaliger Studenten des katholischen
UNITAS-Verbandes, der u.a. zum Weltjugendtag 2005 in Köln
12 polnische Gäste aufnahm und mit der ganzen Pfarrgemeinde
St. Dionysius und Nachbarn ein großes Weltjugendtags-Fest
im und am Haus feierte. Gesellige und wissenschaftliche
Veranstaltungen konnten weitergeführt werden, bis die
Bauarbeiten auch die letzten beiden studentischen Bewohner
zum Ausziehen veranlasste.
Die
mit Architekt Otfried Jäger (Wesel) abgestimmte
Rekonstruktion des Hauses zielte auf eine möglichst
deutliche Wiederherstellung der historischen Bausubstanz.
Vom Keller bis zum Dach wurde das gesamte Gebäude zuvor
einer intensiven Prüfung unterzogen, bei der die Originalpläne
aus dem Erbauungsjahr wichtige Hinweise auf die ursprüngliche
Planung gaben.
Bereits
die in Eigenarbeit der Studenten und Ehemaligen ausgeführten
Entkernungsarbeiten förderten nicht nur einen bislang
verborgenem Raum im Keller, sondern auch vieles mehr zu
Tage: Alle abgehängten Decken und fast alle Wände wurden
bis auf das Fachwerk wurden wieder freigelegt, die alten
Wandmalereien traten in teils erstaunlicher Frische wieder
ans Licht. Zu den Funden der „Bauarchäologie“ gehörten
auch zerknitterte Zeitungen aus der Bauzeit des Dachstuhls,
riesige Wespennester, ein Kupfer-Groschen aus dem Jahr 1921
mit Reichsadler, Einbauten im Dachstuhl oder Kisten aus dem
Lager Friedland. Die Handwerksfirmen sorgten anschließend für
die komplette Erneuerung sämtlicher Wasser-, Strom- und
Gasleitungen, für eine neue Heizung und rundum für neue
Fenster. Alle Wände wurden neu verputzt, alle Fußböden
erneuert. Viele nachträglich eingebaute Wände wurden
entfernt, bis nach und nach der alte Hotelgrundriss wieder
sichtbar wurde und neun Zimmer in einer Größe von 14-29
Quadratmetern entstanden. Unter dem Dach wurde eine
komplette Wohnung in einen großen Veranstaltungssaal
umgewandelt, zusätzlich eingezogene Stahlträger und
Leimbinder verstärkten die Statik des Hauses. Zum
Wintersemesterbeginn im Oktober 2007 waren sämtliche Zimmer
an Studenten vermietet.
Auch
in der vom Verein genutzten Gastronomie hatten bald keine
eigenen Veranstaltungen mehr stattfinden können. Sämtliche
Einbauten wurden herausgerissen, Decken und Fußböden
ebenso, die Rundbogenfenster wurden vollständig wieder
hergestellt - alles wurde unter Berücksichtigung
notweniger Schall- und Brandschutz- Maßnahmen vollständig
renoviert.
Weit über 30 Wirte meldeten ihr Interesse zur Übernahme
des Lokals an: Die vorgelegten sehr unterschiedlichen
Konzepte reichten von der Künstler-, Musik- und Kabarettkneipe bis
zur Hausbrauerei. Im Oktober 2007 wurden schließlich die
Verträge mit der in Gründung befindlichen VKF-Gastronomie
GmbH geschlossen. Nach intensiven Planungen und
Bauarbeiten eröffnete das neu geschaffene Lokal im April2008.
In den folgenden Wochen soll auch der für
den Biergarten geplante Wintergarten fertig gestellt
sein.
Das
von der Gastronomie getrennte Studentenheim wurde mit einem
Festwochenende am 31. Mai / 1. Juni 2008 eingeweiht und
damit offiziell seiner Bestimmung übergeben. Wir
sind sicher: Hier werden sich Borbecker und Gäste aus dem
Einzugsbereich bald "wie zuhause" fühlen. „Bei
Freunden zu Gast“ ist das Motto, mit dem das Haus viele
Freunde gewinnen soll.